27 Informationen zur Kalibrierung
27.1 Einleitung
Die Kalibrierung einer Wärmebildkamera ist eine wichtige Voraussetzung für die Temperaturmessung. Durch die Kalibrierung wird
das Verhältnis zwischen dem Eingangssignal und der physikalischen Größe definiert, die der Anwender messen möchte. Trotz seiner
häufigen und verbreiteten Benutzung wird der Begriff „Kalibrierung“ häufig missverstanden und falsch angewendet. Regionale
und nationale Unterschiede sowie Übersetzungsfehler führen zu weiteren Unklarheiten.
Eine mangelnde Begriffsklarheit kann die Kommunikation erschweren und zu Übersetzungsfehlern führen. Dies wiederum hat fehlerhafte
Messwerte aufgrund von Missverständnissen und im schlimmsten Fall sogar Rechtsstreitigkeiten zur Folge.
27.2 Definition: Was genau ist Kalibrierung?
Das internationale Büro für Maß und Gewicht (kurz: IBMG
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definiert
Kalibrierung
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folgendermaßen:
an operation that, under specified conditions, in a first step, establishes a relation between the quantity values with measurement
uncertainties provided by measurement standards and corresponding indications with associated measurement uncertainties and,
in a second step, uses this information to establish a relation for obtaining a measurement result from an indication.
Die Kalibrierung kann in verschiedenen Formaten dargestellt werden: als Aussage, Kalibrierfunktion, Kalibrierdiagramm
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, Kalibrierkurve
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oder Kalibriertabelle.
Häufig wird nur der erste Schritt der oben erläuterten Definition als „Kalibrierung“ wahrgenommen und bezeichnet. Dies reicht
jedoch nicht (immer) aus.
In Bezug auf den Kalibriervorgang bei einer Wärmebildkamera wird im ersten Schritt der Zusammenhang zwischen der abgegebenen
Strahlung (zu messende Größe) und dem elektrischen Ausgangssignal (Ablesewert) ermittelt. Dieser erste Schritt des Kalibriervorgangs
umfasst das Erzeugen einer homogenen (reproduzierbaren) Anzeige bei Positionierung der Kamera vor einer Strahlungsquelle.
Da die Temperatur der Referenz-Strahlungsquelle bekannt ist, wird im zweiten Schritt das erhaltene Ausgangssignal (Ablesewert)
mit der Temperatur der Referenz-Strahlungsquelle (Messergebnis) verglichen. Der zweite Schritt umfasst auch die Driftmessung
und Driftkompensation.
Streng genommen lässt sich die Kalibrierung einer Wärmebildkamera nur auf die Strahldichte ausdrücken. Wärmebildkameras reagieren
auf Infrarotstrahlung: Daher sollte zunächst der Strahlungswert ermittelt und dann ein Zusammenhang zwischen Strahlung und
Temperatur hergestellt werden. Bei einem Einsatz von Bolometerkameras außerhalb der Forschung und Entwicklung wird die Strahldichte
nicht angegeben: Es wird nur die Temperaturangabe bereitgestellt.
27.3 Kamerakalibrierung bei FLIR Systems
Ohne Kalibrierung wäre eine Infrarotkamera nicht in der Lage, entweder Strahlung oder Temperatur zu messen. Bei FLIR Systems
wird die Kalibrierung sowohl während der Produktion als auch im Service von ungekühlten Mikrobolometerkameras mit Messfunktion
durchgeführt. Gekühlte Kameras mit Photonendetektoren werden oft vom Anwender mit spezieller Software kalibriert. Mit dieser
Art von Software können theoretisch auch gängige tragbare ungekühlte Wärmebildkameras vom Benutzer kalibriert werden. Da diese
Software jedoch nicht für die Berichterstellung geeignet ist, besitzen die meisten Benutzer sie nicht. Nicht-Messgeräte, die
nur für die Bildgebung verwendet werden, benötigen keine Temperaturkalibrierung. Dies spiegelt sich zum Teil bereits in der
Kamera-Terminologie wieder, wenn von Infrarot- oder Wärmebildkameras im Gegensatz zu Thermografiekameras gesprochen wird,
wobei sich letzteres auf Messgeräte bezieht.
Die Kalibrierungsinformationen, egal ob die Kalibrierung von FLIR Systems oder vom Anwender durchgeführt wird, werden in Kalibrierungskurven
gespeichert, die durch mathematische Funktionen ausgedrückt werden. Da sich die Strahlungsintensität sowohl mit der Temperatur
als auch mit dem Abstand zwischen Objekt und Kamera ändert, werden unterschiedliche Kurven für unterschiedliche Temperaturbereiche
und austauschbare Objektive erzeugt.
27.4 Unterschiede zwischen einer Kalibrierung durch den Anwender und einer direkt bei FLIR Systems durchgeführten Kalibrierung
Erstens sind die von FLIR Systems verwendeten Referenzquellen selbst kalibriert und rückverfolgbar. Das bedeutet, dass die
Quellen an jedem Standort von FLIR Systems, an dem eine Kalibrierung durchgeführt wird, von einer unabhängigen nationalen
Behörde kontrolliert werden. Das Kalibrierungszertifikat der Kamera bestätigt dies. Es ist ein Beweis dafür, dass die Kalibrierung
nicht nur von FLIR Systems, sondern auch mit kalibrierten Referenzen durchgeführt wurde. Einige Benutzer besitzen oder haben
Zugriff auf akkreditierte Referenzquellen, es sind jedoch nur sehr wenige.
Zweitens gibt es einen technischen Unterschied. Bei einer Kalibrierung durch den Anwender wird das Ergebnis oft (aber nicht
immer) keiner Driftkompensation unterzogen. Das bedeutet, dass bei den Werten nicht berücksichtigt wird, dass sich die Ausgabewerte
der Kamera auch aufgrund einer Schwankung der Innentemperatur der Kamera ändern können. Dementsprechend ist die Unsicherheit
größer. Bei der Driftkompensation werden Daten verwendet, die in Klimakammern unter kontrollierten Bedingungen ermittelt wurden.
Alle Kameras von FLIR Systems werden vor der ersten Lieferung an den Kunden sowie bei einer Neukalibrierung durch die Serviceabteilung
von FLIR Systems einer Driftkompensation unterzogen.
27.5 Kalibrierung, Überprüfung (Verifizieren) und Justieren
Es kommt häufig zu Verwechslungen zwischen Kalibrierung und Überprüfung oder Justieren. Die Kalibrierung ist tatsächlich eine Voraussetzung für eine Überprüfung, mit der sich bestätigen lässt, dass bestimmte Anforderungen erfüllt werden. Bei der Überprüfung wird ein objektiver Nachweis
erbracht, dass ein bestimmter Gegenstand bestimmte Anforderungen erfüllt. Im Rahmen dieser Überprüfung werden bestimmte Temperaturen
(ausgegebene Strahlung) von kalibrierten und rückführbaren Referenzquellen gemessen. Die Messergebnisse werden zusammen mit
den Abweichungen in einer Tabelle festgehalten. Im Prüfzertifikat wird angegeben, dass diese Messergebnisse bestimmten Anforderungen
entsprechen. Manchmal wird ein solches Prüfzertifikat von Unternehmen als „Kalibrierungszertifikat“ bezeichnet und vermarktet.
Eine ordnungsgemäße Prüfung, und dementsprechend auch eine Kalibrierung und/oder Neukalibrierung, lässt sich nur unter Einhaltung
eines gültigen Prüfprotokolls erreichen. Das zulässige Verfahren beinhaltet mehr als das bloße Platzieren der Kamera vor einem
Schwarzkörper, um zu prüfen, ob die von der Kamera ausgegebenen Werte (beispielsweise die Temperatur) der ursprünglichen Kalibriertabelle
entsprechen. Häufig wird hierbei vergessen, dass eine Kamera nicht die Temperatur, sondern die Strahlung misst. Außerdem handelt
es sich bei einer Kamera um ein bildgebendes System und nicht um einen einfachen Sensor. Dementsprechend ist eine „Überprüfung“ (sowie auch eine Kalibrierung oder Neukalibrierung)
wertlos, wenn die optische Konfiguration, mithilfe derer die Kamera die Strahlung „einfängt“, sich als nicht ausreichend oder
fehlerhaft erweist.
Beispielsweise muss sichergestellt werden, dass der Abstand zwischen dem Schwarzkörper und der Kamera sowie der Durchmesser
des Schwarzkörper-Hohlraums so ausgewählt wurden, dass eine Streustrahlung sowie der Effekt der Quellengröße vermieden werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das gültige Protokoll muss den physikalischen Gesetzen in Bezug auf die Strahldichte entsprechen und sich nicht nur nach der Temperatur richten.
Die Kalibrierung ist außerdem eine Voraussetzung für das Justieren. Dies umfasst die verschiedenen Vorgänge, die an einem Messgerät ausgeführt werden, um sicherzustellen, dass das Gerät vorgegebene
Anzeigen ausgibt, die den zu messenden Mengenwerten entsprechen. Dies erfolgt üblicherweise anhand von Messnormalen. Vereinfacht
lässt sich sagen: Das Justieren ist eine Änderung, mithilfe derer die ordnungsgemäße Messung von Messgeräten innerhalb ihrer
Spezifikationen sichergestellt wird. In der Alltagssprache wird bei Messgeräten meist der Begriff „Kalibrierung“ anstelle
von „Justieren“ verwendet.
27.6 Inhomogenitätskorrektur
Wenn die Wärmebildkamera „Kalibrierung…“ anzeigt, wird eine Anpassung an die Abweichungen in Bezug auf die einzelnen Detektorenelemente
(Pixel) ausgeführt. In der Thermografie wird dies als „Inhomogenitätskorrektur“ (Non-Uniformity Correction, NUC) bezeichnet.
Es handelt sich um eine Offsetkorrektur, wobei die Verstärkung unverändert bleibt.
Laut der europäischen Norm EN 16714-3, Non-destructive Testing—Thermographic Testing—Part 3: Terms and Definitions (Zerstörungsfreie Prüfung – Thermografische Prüfung – Teil 3: Begriffe) ist die Inhomogenitätskorrektur (oder NUC) eine „Bildkorrektur,
die von der Kamerasoftware durchgeführt wird, um unterschiedliche Empfindlichkeiten der Detektorenelemente und andere optische
und geometrische Störungen zu kompensieren.“
Während der Inhomogenitätskorrektur (Offsetkorrektur) wird ein Shutter (interne Markierung) im Strahlengang platziert, und
alle Detektorenelemente werden derselben, vom Shutter kommenden Strahlungsmenge ausgesetzt. Dementsprechend sollten sie unter
perfekten Bedingungen alle dasselbe Signal ausgeben. Da die einzelnen Elemente jedoch unterschiedliche Ansprechverhalten aufweisen,
ist das Ausgabesignal nicht einheitlich. Daher wird die Abweichung vom idealen Ergebnis berechnet und für eine mathematische
Bildkorrektur verwendet, die praktisch eine Korrektur des angezeigten Strahlungssignals darstellt. Einige Kameras haben keinen
Shutter. In diesen Fällen muss eine Offsetkorrektur manuell mithilfe einer speziellen Software sowie einer externen homogenen
Strahlungsquelle durchgeführt werden.
Eine NUC wird beispielsweise beim Einschalten, bei einer Änderung des Messbereichs oder bei einer Änderung der Umgebungstemperatur
ausgeführt. Bei einigen Kameras ist auch eine manuelle Auslösung möglich. Dies ist besonders praktisch, wenn eine kritische
Messung mit so wenigen Bildstörungen wie möglich ausgeführt werden soll.
27.7 Thermische Bildoptimerung
Manchmal wird der Begriff „Bildkalibrierung“ auch im Zusammenhang mit der Anpassung von Kontrast und Helligkeit im Wärmebild
zur besseren Darstellung bestimmter Details verwendet. Hierbei wird das Temperaturintervall so eingestellt, dass alle verfügbaren
Farben ausschließlich (oder hauptsächlich) zur Darstellung der Temperaturen Bereichs von Interesse dienen. Der richtige Begriff
für diese Einstellung lautet „Thermische Bildoptimierung“. Diese Einstellung kann nur im manuellen Modus vorgenommen werden.
Andernfalls werden die Unter- und Obergrenzen des angezeigten Temperaturintervalls automatisch auf die kältesten und wärmsten
Temperaturen im Bild eingestellt.